Die Tür schließt sich hinter Mercer. Für einen Moment bleibt Mulder allein zurück, noch immer mit dem Nachklang britischer Kälte im Raum. Zwei leere Stühle, zwei Halbbrüder, zwei glaubhafte Motive und noch immer kein sauberer Zugriff. Dann geht die Tür wieder auf. Shane Hollander kommt herein. Er tritt nicht zögernd ein. Eher wie jemand, der beschlossen hat, dass zu viel Zögern in solchen Räumen wie ein Geständnis aussieht. Trotzdem trägt er noch das Spiel im Körper: Spannung in den Schultern, ein Tick zu schnelles Atmen, die Art Wachheit, die nicht von Müdigkeit kommt, sondern von zu vielen Dingen, die gleichzeitig falsch werden könnten. Mulder deutet auf den Stuhl.
MULDER
Captain Hollander.
Shane setzt sich diesmal sofort. Nicht aus Unterordnung. Aus Ungeduld. Mulder bleibt stehen. Er will die Dynamik diesmal nicht ausgleichen. Nicht bei Shane.
MULDER
Sie sind im Moment der einzige der vier Captains ohne tote Vaterfigur, adlige Familiengeschichte oder britisch-französisches Ehedrama.
SHANE
Das klingt fast wie ein Kompliment.
MULDER
Es ist nur eine Feststellung.
Shane lehnt sich leicht zurück.
SHANE
Dann ist sie wahrscheinlich teuer.
Mulder ignoriert das.
MULDER
Sie sagten eben, Sie hätten im Korridor Stimmen gehört. Franklin. Den Arzt. Angespannt. Mehr nicht.
SHANE
Ja.
MULDER
Das ist zu wenig.
SHANE
Mehr habe ich nicht.
Mulder nimmt das hin. Nicht, weil er es nicht bemerkt. Sondern weil Shane zu den Leuten gehört, die auf Druck oft erst dann brauchbar werden, wenn sie glauben, dass man die falsche Richtung einschlägt.
MULDER
Gut. Dann anders. Sie haben Franklin vorher nie getroffen?
SHANE
Nicht bewusst.
MULDER
Und trotzdem reagieren Sie auf seinen Tod nicht wie ein Mann, der bloß ein Sponsorproblem im falschen Moment erlebt.
Shane hält den Blick. Keine Ausweichbewegung. Das ist bei ihm oft nicht Ehrlichkeit, sondern Disziplin.
SHANE
Vor meinen Augen ist jemand gestorben. Das ist nicht normal.
MULDER
Für mich schon. Man gewöhnt sich an die Toten. Das Sterben ist erschreckender als der Tod: Im Tod ist niemand mehr angespannt, niemand verbirgt mehr etwas. Im Sterben hingegen…Vielen wollen mit ihrem letzten Atemzug noch etwas sagen, eine Hinterlassenschaft, ein Segen, ein Fluch - oder ein Geständnis.
Stille. Mulder wartet. Shane auch. Dann schiebt Mulder den ersten falschen Stein bewusst in die falsche Richtung.
MULDER
Hatten Sie Sorge, dass Franklin vor seinem Tod noch etwas über Sie sagen würde.
Ein winziger Ruck in Shanes Gesicht. Nicht Schuld. Überraschung.
SHANE
Über mich?
MULDER
Sie sind das amerikanische Zugpferd des Abends. Wenn Franklin Geld, Einfluss oder Ausgang kontrollieren wollte, wären Sie nützlich gewesen. Vielleicht auch erpressbar.
Shane schnaubt kurz, trocken.
SHANE
Wenn Sie mir jetzt Doping anhängen wollen, nehmen Sie wenigstens etwas mit mehr Stil.
Mulder speichert sofort das Wort. Nicht weil es beweist, dass Shane gedopt hat, sondern weil sein Gehirn zu schnell die Art Gefahr liefert, die er für plausibel hält.
MULDER
Ich habe Doping nicht gesagt. Es könnte auch sein, dass Franklin sie zu einer intimen Absprache mit Rozanov genötigt hat, um den Ausgang des Finalmatches zu beeinflussen.
SHANE
Nein.
Die Antwort kam zu schnell, der Atem des Spielers wurde hektisch, so sehr er sich auch bemühte.
SHANE
Und wieso mit Rozanov. Er ist Russe. Was sollte ich mit ihm besprechen?
Da ist die erste echte Bewegung. Mulder tritt einen Schritt näher.
MULDER
Haben Sie ein Problem mit Russland? Oder mit Rozanov persönlich?
Shane merkt es sofort. Zu spät. Er fährt sich einmal mit der Hand über den Mund, als wolle er das letzte Wort zurückholen.
SHANE
Ich habe kein Problem mit Rozanov. Ich habe gar nichts mit Rozanov. Es geht doch hier um den toten Philanthropen, nicht um ihn.
MULDER
Wie?
Shane sieht auf die Tischplatte. Nicht aus Unterwerfung. Eher, um das Gesicht ruhig zu halten.
SHANE
Ich habe gehört, wie der Arzt irgendetwas zu ihm gesagt hat im Raum hinter dem Korridor. Irgendetwas über alte Unterlagen. Namen. Lieferwege. Zahlungen.
Mulder nickt sehr langsam.
MULDER
Und Ihr erster Gedanke war?
Shane sagt nichts. Mulder geht kein Risiko auf Wärme ein.
MULDER
Nicht „wie schrecklich“. Nicht „was für ein Sponsor“. Nicht „hoffentlich fällt das Turnier nicht aus“. Ihr erster Gedanke war jemand Konkretes.
Shane hebt den Blick.
MULDER
Sie wollten also nicht, dass Korruption thematisiert wird?
SHANE
Ich wollte nicht, dass das Stipendienprogramm wegen eines alten Mannes und irgendeiner verrotteten Staatengeschichte in die Mühle kommt.
MULDER
Das ist bemerkenswert fürsorglich, auch für ihre drei Gegner.
Shane sieht ihn an. Diesmal völlig gerade.
SHANE
Vielleicht bin ich unvernünftig fürsorglich.
MULDER
Und was haben Sie gedacht, als Franklin dann auf dem Eis zusammenbrach?
Shane antwortet diesmal sofort.
SHANE
Dass es kein Zufall mehr ist.
MULDER
Weil?
SHANE
Weil er vorher schon klang, als hinge etwas an ihm, das nicht mit ihm sterben durfte.
Mulder nimmt sich jetzt den Tonfall, den er für die Stellen benutzt, an denen Wahrheit leicht als Loyalität getarnt wird.
MULDER
Haben Sie gedacht, Rozanov hätte ihn getötet?
Shane schweigt. Das Schweigen dauert zu lang für ein Nein, zu kurz für eine ausgearbeitete Lüge.
SHANE
Warum Rozanov? Seine Söhne sind doch Mercer und Moreau. So etwas Verrücktes! Ich weiß nur, dass Familiengeschichten Leute in Dinge hineinziehen, für die sie nie selbst unterschrieben haben.
Mulder hört die Verschiebung.
MULDER
Sie reden nicht über die anderen drei. Sie reden über sich.
Shane lacht kurz auf. Ohne jeden Humor.
SHANE
Sie machen das gern, oder?
MULDER
Ja.
Shane lehnt sich zurück, diesmal wirklich. Er wirkt nicht bequemer. Nur müder.
SHANE
Ich bin nicht verwandt mit dem Mann. Ich schulde ihm nichts. Ich schulde keinem von denen da draußen irgendetwas. Aber wenn ich sehe, wie hier plötzlich alle mit Abstammung, Namen, England, Frankreich, Russland und irgendeinem alten Dreck um sich werfen, dann weiß ich ziemlich genau, wer als Nächstes dran ist, wenn keiner aufpasst.
MULDER
Rozanov.
SHANE
Ja. Denn Leute wie sie schieben immer alles zuerst auf die Russen, dann die Chinesen und zuletzt die Aliens - nur um von der eigenen Ratlosigkeit abzulenken. Klären Sie den Mord auf, anstatt uns zu beschuldigen.
MULDER
Sie stehen auffällig oft dort, wo Rozanovs Probleme gefährlich werden könnten.
Stille. Das ist die Stelle, an der ein anderer Mann wütend geworden wäre. Shane wird nur noch aufmerksamer.
SHANE
Ich habe niemanden umgebracht. Und ich stehe auf dem Eis, wo auch Leute wie Rozanov stehen.
Hastig fügt er hinzu
SHANE
Und Mercer und Moreau.
MULDER
Das war nicht meine Frage.
Shane sagt nichts. Mulder tippt mit dem Finger auf den Tisch.
MULDER
Haben Sie Franklin vor dem Zusammenbruch berührt?
SHANE
Ja. Beim Fallen. Sonst nicht.
MULDER
Den Pokal?
SHANE
Nein.
MULDER
Den Arzt?
SHANE
Nein. Warum sollte ich den Arzt berühren? Oder den Pokal. Ich hatte ja nicht gewonnen.
MULDER
Haben Sie irgendeine Absprache mit Rozanov getroffen? Vor dem Spiel, während des Spiels, nach dem Spiel?
Shane schüttelt den Kopf.
SHANE
Niemals.
MULDER
Keine Absprache darüber, wer gewinnt?
SHANE
Nein.
MULDER
Keine Absprache darüber, wer verliert?
Jetzt sieht Shane wirklich genervt aus.
SHANE
Agent Mulder, ich verliere nicht absichtlich in einer Halle voller Kameras, nur damit irgendein Sponsor einen hübschen Abend hat.
Das klingt wahr. Vor allem, weil sein Stolz dafür zu echt ist. Mulder geht einen anderen Weg.
MULDER
Und wenn Franklin Ihnen Geld angeboten hätte?
Shane verzieht kaum den Mund.
SHANE
So bin ich nicht. Ich bin nicht käuflich. Und auch Mercer nicht, und Moreau und nicht Rozanov!
MULDER
Wirklich?
SHANE
Nein.
Mulder gibt ihm dafür fast einen Hauch von Anerkennung. Ehrlichkeit, wo Scham einfacher gewesen wäre. Dann geht die Tür auf. Shane dreht sofort den Kopf. Jonathan und Jennifer stehen im Türrahmen, beide mit Mappen unter dem Arm. Jonathan wirkt ausnahmsweise so, als wüsste er nicht, wie man schlechte Nachrichten charmant macht. Jennifer nicht; sie weiß es, sieht aber keinen Sinn darin. Mulder richtet sich auf.
MULDER
Schlechter Zeitpunkt oder guter?
Jennifer tritt ein.
JENNIFER
Schlecht für Franklin. Gut für Ihre Ermittlungen.
Shane bleibt sitzen, aber seine ganze Aufmerksamkeit ist nun auf die Unterlagen in Jennifers Hand gezogen. Nicht aus Neugier. Aus wachsender Abwehr. Die Mappen sehen alt aus, dreißig, vierzig Jahre. Könnte das etwas mit den sowjetischen Materialien zu tun haben, von denen er im Gespräch gehört hatte? Jonathan schließt die Tür hinter sich.
JONATHAN
Wir haben uns erlaubt, die finanzielle Seite Ihres Wohltäters anzusehen.
Mulder sagt nichts. Jennifer übernimmt.
MULDER
Captain Hollander, warten Sie draußen, ich bin noch nicht mit Ihnen fertig.
Shane geht schneller als angemessen und lässt die Tür ins Schloss fallen.
JENNIFER
Das Stipendiengeld existierte nicht. Dazu kommen massiv gestiegene Abrisskosten wegen Asbest. Und selbst die Spenden des heutigen Abends waren bereits zur Deckung älterer Schulden verplant.
MULDER
Also brauchte Franklin heute Abend Geld, Zusagen oder Schweigen. Statt es auszugeben. Das ist eine interessante Wendung. Denn wenn die Burschen davon gewusst haben, gäbe es keinen Grund, ihn wegen des Geldes zu ermorden.
Jennifer nickt.
JENNIFER
Ja. Und schnell.
Jonathan legt eine der Mappen auf den Tisch.
JONATHAN
Das heißt, wer auch immer ihn unter Druck gesetzt hat oder von ihm unter Druck gesetzt wurde, tat das nicht wegen einer ehrenwerten Zukunftsplanung. Sondern wegen eines sinkenden Schiffes.
Mulder sieht auf die Mappen. Dann zu Jennifer. Dann zu Jonathan.
MULDER
Das ist keine schlechte Unterbrechung.
Jonathan setzt sich nicht, sondern bleibt mit verschränkten Armen am Tisch stehen.
JONATHAN
Wir geben uns Mühe, hilfreich zu sein, ohne allzu sehr wie Leute zu wirken, die über fremde Buchhaltung triumphieren.
Jennifer legt die Unterlagen sauber nebeneinander.
JENNIFER
Franklin war finanziell erledigt. Das bedeutet noch nicht, dass man ihn deshalb töten musste. Aber es bedeutet, dass fast jedes Gespräch, das er heute Abend führte, schlechter roch, als es von außen aussah.
Mulder nickt langsam.


